In einem unserer letzten Präsentationstrainings haben wir uns einen ganzen Tag lang ausschließlich auf ein Thema konzentriert, das in der Businesswelt zwar ständig präsent ist, aber selten systematisch betrachtet wird: Körpersprache. Wir haben die Folien zur Seite gelegt, keine PowerPoint gebaut, keine rhetorischen Formeln besprochen, sondern uns gefragt: Welche Arten von Körpersprache gibt es eigentlich – und wie wirkt sie im Alltag wirklich?


Schon in der ersten Stunde wurde klar, dass Körpersprache kein Zusatz zur Sprache ist, sondern ein eigenständiger Kommunikationskanal. Sozialpsychologische Forschung zeigt seit Jahrzehnten, dass nonverbale Signale wie Haltung, Blickkontakt, Gestik und räumliche Positionierung unmittelbaren Einfluss auf die Wahrnehmung von Kompetenz, Vertrauen und Dominanz haben. Untersuchungen zur Emotionsforschung und zur Gesprächsregulation unterscheiden beispielsweise zwischen illustrativen Gesten, die Inhalte begleiten, emblematischen Gesten mit kulturell festgelegter Bedeutung, sowie Regulatoren, die Gesprächsverläufe steuern – etwa durch Nicken oder gezielten Blickkontakt. Diese wissenschaftlichen Einordnungen haben wir nicht zitiert, sondern in praktische Beobachtungen übersetzt.


Aus dieser Verbindung von Theorie und Praxis entstand im Seminar ein eigenes Modell mit acht Körpersprachetypen. Nicht als starres Schubladensystem, sondern als Beobachtungshilfe. Wir wollten keine Menschen etikettieren, sondern Muster sichtbar machen. Das Modell entwickelte sich dynamisch im Raum – anhand der acht Teilnehmer, die unterschiedlicher nicht sein konnten.


Da war eine junge Projektleiterin aus der IT, die wir später als „Impulsgeberin“ beschrieben. Ihre Bewegungen waren schnell, ihre Hände ständig im Einsatz, ihr Körper sprach Dynamik. Daneben ein zurückhaltender Jurist, dessen Haltung eher kompakt war – Hände nah am Körper, minimalistische Gestik. Er wurde im Modell zum „Strukturierer“. Ein Vertriebsleiter zeigte eine expansive Art, viel Raum nutzend, mit deutlicher Blickführung – er verkörperte den „Raumnehmer“.


Eine Kommunikationsberaterin fiel durch ihre ruhige, offene Haltung auf, durch Resonanzsignale wie leichtes Nicken, weiche Bewegungen und kontinuierlichen Blickkontakt – sie wurde zum „Resonanzgeber“. Ein junger Gründer bewegte sich erzählerisch, seine Hände zeichneten Bilder in die Luft, wir nannten diesen Typus den „Narrativen“.


Besonders spannend wurden jedoch zwei Teilnehmer: die beiden Vorstände eines Industrieunternehmens. Beide seit vielen Jahren in Führungsverantwortung, beide erfahren – und dennoch völlig unterschiedlich in ihrer Körpersprache.


Der erste Vorstand war analytisch geprägt. Aufrechter Stand, kaum Gestik, präziser Blick. Wir ordneten ihn zunächst dem Typus des „Komprimierten Entscheiders“ zu. Seine Körpersprache war effizient, aber auch distanziert. In Diskussionen blieb er ruhig, fast regungslos, was im Alltag als Autorität interpretiert wird, im Präsentationskontext jedoch gelegentlich als Unnahbarkeit wirkte. Er lernte im Seminar, wie kleine Öffnungen – eine sichtbare Handfläche, ein bewusst gesetzter Schritt nach vorne, ein minimal längerer Blickkontakt – seine Wirkung verändern konnten, ohne dass er an Seriosität verlor.


Der zweite Vorstand war sein Gegenpol. Mehr Bewegung, größere Armgestik, ein klarer Stand in der Mitte des Raumes. Er war der „Sichtbare Stratege“. Seine Körpersprache signalisierte Präsenz, manchmal sogar Dominanz. Doch bei sensiblen Themen – etwa Mitarbeiterentwicklung – wirkte seine Expansion zu stark. Sein Lernprozess bestand nicht im „Mehr“, sondern im „Weniger“. Er übte, Bewegungen zu reduzieren, Pausen einzubauen und durch ruhigere Haltungen Vertrauen zu erzeugen.


Im Verlauf des Tages wurde deutlich, dass Körpersprache mehr ist als individuelle Gewohnheit. Wir haben sie systematisch eingeordnet in drei Ebenen: Alltagsverhalten, Kommunikationssignale und visuelle Rhetorik.

Auf der Ebene des Alltagsverhaltens erkennen wir typische Bewegungsmuster, die aus Biografie, Charakter und Beruf entstehen. Kommunikationssignale hingegen beschreiben die unmittelbare Botschaft einer Haltung – etwa Offenheit durch unverdeckte Hände oder Skepsis durch einen seitlich geneigten Kopf. Die dritte Ebene, die visuelle Rhetorik, beschreibt die bewusste Gestaltung dieser Signale im Kontext einer Präsentation. Hier wird Körpersprache zum Instrument.


Ein zentrales Aha-Erlebnis war die Erkenntnis, dass Körpersprache visuelle Kommunikation ist – und damit eine Form von Rhetorik. Während Sprache Argumente transportiert, transportiert der Körper Beziehung, Status, Sicherheit, Emotion. Beide Ebenen wirken gleichzeitig. Studien aus der Wahrnehmungspsychologie zeigen, dass nonverbale Inkongruenz schneller irritiert als verbale Unklarheit. Wenn jemand Sicherheit behauptet, aber zurückweicht, entsteht ein Widerspruch, der Vertrauen mindert.


Gleichzeitig wurde im Seminar betont, dass Körpersprache nichts Künstliches ist. Sie ist keine Theatertechnik, sondern ein natürlicher Ausdruck innerer Zustände. Genau darin liegt ihre Stärke. Wer sie versteht, muss nichts spielen, sondern nur bewusster wahrnehmen und modulieren.


Wir haben beobachtet, welche Rolle Blickkontakt spielt – als Regulator im Gespräch. Wir haben analysiert, wie Illustratoren Inhalte greifbar machen und wie Embleme kulturelle Bedeutungen tragen. Wir haben Cluster gebildet, also nicht einzelne Signale isoliert betrachtet, sondern Zusammenhänge. Ein verschränkter Arm allein sagt nichts – in Kombination mit zurückgelehntem Oberkörper und ausweichendem Blick jedoch sehr viel.

Am Ende dieses ersten Seminartages stand keine starre Typologie, sondern ein differenziertes Bewusstsein. Jeder Teilnehmer erkannte seine bevorzugten Muster, seine Komfortzone – und die Wirkung auf andere. Besonders die beiden Vorstände formulierten es treffend: Nicht der größte Gestenradius entscheidet über Führung, sondern die Stimmigkeit zwischen Haltung und Inhalt.



Körpersprache ist sichtbar gewordene Haltung. Und genau deshalb ist sie im Businesskontext kein Nebenschauplatz, sondern ein zentraler Wirkfaktor.

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