Ein Tag, der anders begann als geplant


Der Coaching-Tag begann unspektakulär. Führungsetage, klare Architektur, Glas, Stahl, Ordnung. Ein Umfeld, das Sicherheit vermittelt – und gleichzeitig wenig Raum für Ungeordnetes lässt. Als ich den Raum betrat und meinem Kunden die Hand reichte, ging mir ein Gedanke durch den Kopf, der in dieser Umgebung eigentlich keinen Platz hat: Sein Herz ist verschlossen.


Solche Gedanken sind in rational geprägten Führungskontexten beinahe tabu. Sie passen nicht zu Kennzahlen, nicht zu Reports, nicht zu Entscheidungslogiken. Und dennoch entstehen sie nicht zufällig. Sie entstehen aus Wahrnehmung: aus Blickkontakt, Haltung, Atem, Bewegung. Aus dem, was zwischen den Worten liegt.


Mein Kunde war ein erfahrener Manager. Erfolgreich, analytisch, strukturiert. Hohe Verantwortung, große Teams, komplexe Entscheidungen. Seine Themen waren klar benannt: strategische Überlastung, Entscheidungsdruck, zunehmende Distanz im Team, ein diffuses Gefühl von Erschöpfung, ohne konkret benennen zu können, woher sie kam. Klassische Führungsthemen – und doch war spürbar, dass die eigentliche Frage tiefer lag.


Ich begann den Tag mit einem bewussten Einstieg. Keine Modelle, keine Tools, keine Zielmatrix. Stattdessen Sprache. Worte wie Gefühl, innere Beteiligung, mit dem Herzen dabei sein. Nicht provokativ, sondern beiläufig. Wie Marker, die im Raum stehen bleiben dürfen. Er hörte aufmerksam zu, reagierte sachlich, professionell, leicht distanziert.


Im Laufe des Vormittags arbeiteten wir uns entlang seiner Herausforderungen. Meetings, Eskalationen, permanente Erreichbarkeit, der Anspruch, immer souverän zu wirken. Auffällig war, wie häufig er über Funktion sprach – und wie selten über Empfinden. Führung erschien wie ein permanenter Kraftakt: präsent sein, reagieren, steuern, vermitteln. Und gleichzeitig spürte ich, dass genau darin seine größte Erschöpfung lag.


Der Wendepunkt kam leise. Fast beiläufig. Wir sprachen über Familie, über Abende, an denen er zwar anwesend, aber innerlich nicht erreichbar war. Und plötzlich sagte er – sehr ruhig, sehr klar – einen Satz, der alles veränderte.


Er sagte nicht: „Ich denke“.


Er sagte: „Ich habe das Gefühl, dass Emotionen im Alltag und selbst in meiner Familie zu kurz kommen.“


Dieses Wort – Gefühl – aus dem Mund eines hochrationalen Managers war wie ein Türöffner. Kein Drama, kein Einbruch, keine große Geste. Aber ein Moment von Wahrheit. In diesem Augenblick wurde klar, dass der geplante Verlauf des Coaching-Tages nicht mehr passte. Modelle wären an dieser Stelle zu grob gewesen. Analysen zu laut. Was es jetzt brauchte, war etwas anderes.


Ich legte die Unterlagen beiseite und schlug etwas vor, das in vielen Führungsetagen immer noch als ungewöhnlich gilt. Ich bat ihn, eine Hand auf sein Herz zu legen. Nicht als Übung. Nicht als Technik. Sondern als Experiment. Ich bat ihn, den Herzschlag zu spüren und den Atem langsam dorthin sinken zu lassen. Erst vorsichtig. Dann tiefer. Ohne Ziel. Ohne Erwartung.


Was dann geschah, war nicht spektakulär. (Nein, der Mann brach zum Glück nicht ein – das sind immer die schwierigsten Situationen im Coaching.)


Stattdessen begann er zu lachen. Ehrlich. Befreit. Nicht laut, nicht kontrolliert, sondern menschlich. Ein Lachen, das Spannung löst, ohne sie zu verleugnen. Nach einigen Minuten saß er wieder ruhig da und sagte etwas, das ich so nicht geplant hatte, das aber den Kern dieses Tages auf den Punkt brachte.


Er sagte:


„Ich glaube, ich habe heute eine neue Management-by-Technik kennengelernt. Eine, die in keinem Buch steht.“


Dann hielt er kurz inne und ergänzte:


„Management by Heart.“


Dieser Satz war kein Witz. Er war eine Erkenntnis. Und er war der Beginn einer ganz anderen Form von Führung.


Vom Erkennen zur gelebten Führungsqualität


Der Satz „Management by Heart“ fiel nicht als Konzept, sondern als Erfahrung. Genau darin liegt seine Kraft. Er entstand nicht aus einem Modell, sondern aus einem Moment innerer Stimmigkeit. Und genau hier beginnt das eigentliche Verständnis dieser Form von Führung.


Viele Führungskräfte haben gelernt, ihr Herz zu kontrollieren. Nicht, weil sie gefühllos wären, sondern weil es ihnen so beigebracht wurde. Emotionen gelten als Störgröße, als Risiko, als etwas, das Entscheidungen verwässern könnte. Die Folge ist eine Form von Führung, die funktioniert, aber nicht verbindet. Die leistungsfähig ist, aber innerlich leer läuft.


Management by Heart meint nicht Emotionalisierung von Führung. Es meint Integration. Das Herz ist hier kein romantisches Symbol, sondern eine Wahrnehmungsinstanz. Es meldet Überlastung, stimmige Entscheidungen, Grenzen, Resonanz oder innere Enge oft früher als der Verstand. Wer lernt, dieses Feedback ernst zu nehmen, führt nicht weicher – sondern klarer.


Rückblickend wurde an diesem Tag deutlich, was diesen Manager so erschöpfte: Er führte permanent gegen sich selbst. Seine Rolle verlangte Präsenz, seine innere Welt blieb ungehört. Führung war korrekt, aber nicht kohärent. Genau hier setzt Management by Heart an: nicht als Gegenpol zur Rationalität, sondern als deren Ergänzung.


Führungskräfte, die diese innere Verbindung wieder herstellen, berichten häufig von drei Veränderungen. Erstens: Entscheidungen werden ruhiger. Zweitens: Beziehungen werden ehrlicher. Drittens: Selbstführung wird leichter, weil nicht mehr alles kompensiert werden muss. Das Herz muss nichts steuern – aber es will beteiligt sein.


Damit diese Haltung nicht abstrakt bleibt, braucht es Übung. Keine Techniken im klassischen Sinn, sondern regelmäßige Formen der Rückverbindung. Drei davon haben sich in meiner Arbeit besonders bewährt.


Übung 1: Der Herz-Check vor Entscheidungen


Vor einer wichtigen Entscheidung eine Hand kurz auf den Brustraum legen und sich innerlich fragen: Fühlt sich diese Richtung weit oder eng an? Nicht interpretieren, nicht begründen. Nur wahrnehmen. Diese Information verändert die Qualität der Entscheidung sofort.


Übung 2: Atemführung bei innerer Anspannung


In belastenden Situationen bewusst drei Atemzüge länger ausatmen als einatmen und die Aufmerksamkeit dabei auf den Herzraum richten. Diese einfache Regulation senkt inneren Druck und verhindert reaktive Führung.


Übung 3: Das tägliche stille Innehalten


Einmal am Tag zwei Minuten ohne Ziel, ohne Input, ohne Sprache sitzen. Hand auf dem Herzen. Wahrnehmen, was da ist. Diese Übung stärkt die Fähigkeit, sich selbst nicht zu verlieren – gerade unter hoher Verantwortung.


Management by Heart lässt sich nicht verordnen. Es entsteht dort, wo Führungskräfte den Mut haben, ihre Menschlichkeit nicht als Schwäche zu betrachten. Wer so führt, wird nicht weniger professionell. Er wird glaubwürdiger.

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